Epoche III · 1975–2000

Postmoderne &
Dekonstruktion.

James Stirlings Staatsgalerie macht Stuttgart 1984 zur internationalen Bühne der Postmoderne. Günter Behnischs Hysolar-Gebäude wird zum wichtigsten dekonstruktivistischen Bau Deutschlands. Zwei Stuttgarter Jahrzehnte, die global wirken.

Kontext 1975–2000

Von der Postmoderne
zum Dekonstruktivismus.

Die Postmoderne ist die Antwort auf den Dogmatismus des Funktionalismus. Sie fordert, was der Architekturtheoretiker Heinrich Klotz formulierte: „Nicht nur Funktion, sondern auch Fiktion!" James Stirling setzt diese Forderung in Stuttgart 1984 paradigmatisch um: Rotunde, Rampe, historische Zitate – kombiniert mit grellem Tiefpink, Moosgrün und Himmelblau. Ein Bau, der die internationale Architekturdiskussion veränderte.

Gleichzeitig entwickelt Günter Behnisch am Stuttgarter Universitätscampus mit dem Hysolar-Gebäude (1987) den deutschen Dekonstruktivismus: Schräge Ebenen, scheinbar zufällige Elemente, bewusste Instabilität als formales Programm. Das Hysolar-Gebäude steht seit 2019 unter Denkmalschutz. Mit Wilford Schupp als Nachfolgebüro Stirlings und dem LBBW-Hochhaus als Europaviertel-Auftakt schließt die Epoche zu einer neuen Stadtbauphase hin.

Zeitleiste 1975–2000

1977Wettbewerb Staatsgalerie – Stirling gewinnt
1984Neue Staatsgalerie eröffnet
1987Hysolar-Institut – Behnisch & Partner
1989Behnisch Architekten – Stefan Behnisch gründet
1992Stirling stirbt – Staatsgalerie als Hauptwerk
1996Musikhochschule – Wilford Schupp
1996S21-Planung – Ingenhoven gewinnt
2001LBBW-Hochhaus Baubeginn – Europaviertel

13 Schlüsselbauten

Postmoderne & Dekonstruktion –
1975 bis 2000.

1977–1984 · Konrad-Adenauer-Straße

Neue Staatsgalerie

James Stirling und Michael Wilford, London

Das Paradebeispiel der Postmoderne in Deutschland und Stirlings unbestrittenes Hauptwerk. Zehn Jahre Streit vom Wettbewerb 1977 bis zur Eröffnung 1984 – dann war die Debatte entschieden: Stirlings Kombination aus Rotunde, Rampe, öffentlicher Durchwegung, historischen Zitaten und grellen Farben (Tiefpink, Moosgrün, Himmelblau) hatte die Nachkriegsarchitektur in Deutschland beendet. Die Auseinandersetzung war in hochfahrenden Kontroversen geführt worden: „Festungsarchitektur", „vergängliche Modeerscheinung" – und endete mit einem weltweiten Triumph. Stirling starb 1992. Sein Bau in Stuttgart hat die internationale Architekturdiskussion um die Postmoderne entscheidend mitgeprägt.

MuseumPostmoderneStirlingKulturmeile
1986–1987 · Campus Vaihingen

Hysolar-Institut

Behnisch & Partner (Günter Behnisch), Stuttgart

Das wichtigste dekonstruktivistische Gebäude in Deutschland. Behnisch & Partner beschrieben es: „Wir haben die Vorstellung eines Hauses, das kein Haus mehr ist, sondern ein frei begehbares, offenes Volumen." Stahl, Leichtmetall, Glas, Blech und Holz in scheinbar zufälliger Collage – tatsächlich präzises Programm. 2019 unter Denkmalschutz gestellt: „innovatives Schlüsselwerk der modernen Architektur". Neben dem Frei-Otto-Pavillon das zweite Weltranggbäude auf dem Campus Vaihingen.

DekonstruktivismusDenkmalschutz 2019Behnisch
1996 · Kulturmeile

Musikhochschule Stuttgart

Wilford Schupp Architekten, Stuttgart

Michael Wilford, Stirlings Bürooartner, gründete nach Stirlings Tod 1992 mit deutschen Partnern Wilford Schupp in Stuttgart. Die Musikhochschule ist das bekannteste Stuttgarter Werk dieses Büros: ein turmbetoner Bau, der den städtebaulichen Dialog mit der benachbarten Staatsgalerie sucht und die Kulturmeile expressiv fortsetzt. Sichtbeton, Glas, Terrakottaelemente: eine eigene Materialsprache, die sich von Stirling absetzt, ohne ihn zu verleugnen.

KulturmeileWilford SchuppMusikhochschule
2001 · Stadtmitte

Bosch Areal – Glasdach

Schlaich Bergermann und Partner, Stuttgart

Die historischen Fabrikgebäude der Robert Bosch GmbH neben der Liederhalle – mit Art-Déco-Fassaden und roter Klinkerfassade – wurden mit einem spektakulären Glasdach aus 1.000 Einzelscheiben überspannt. Das Werk der Stuttgarter Ingenieure Schlaich, Bergermann und Partner verbindet Industriekultur und zeitgenössische Konstruktionskunst. Ein weiteres Beispiel für die Stuttgarter Fähigkeit, Ingenieurbaukunst und Architektur als Einheit zu denken.

GlasdachSchlaich BergermannKonversion
2002 · Kulturmeile

Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Wilford Schupp Architekten, Stuttgart

Wilford Schupp bauten für das Haus der Geschichte einen zweiten Bau an der Stuttgarter Kulturmeile – in direkter Nachbarschaft zu Staatsgalerie und Musikhochschule. Das Gebäude setzt den städtebaulichen Dialog dieser einzigartigen Straße fort: ähnliche Materialien wie die Musikhochschule, eigenständige Gestalt. Außen sachlich, innen offen. Die Kulturmeile ist heute ein Ensemble, das drei Architektengenerationen und drei Jahrzehnte Architekturdiskussion in sich trägt.

MuseumKulturmeileWilford Schupp
1990 · Luginsland

Kindergarten „Schiff im Weinberg"

Behnisch & Partner, Stuttgart

Ein früher Beleg für den Behnisch'schen Dekonstruktivismus im Alltäglichen: Der Kindergarten in Stuttgart-Luginsland vermeidet jede Konventionalität. Schräge Ebenen, unerwartete Raumfolgen, lebendige Materialität – alles ist auf das Kind als Bewohner ausgerichtet, nicht auf den Erwachsenen als Betrachter. Das Gebäude steht für Behnischs Überzeugung, dass Architektur nie neutral ist, sondern immer eine gesellschaftliche Haltung ausdrückt.

KindergartenBehnischDekonstruktivismus
1977 · Birkach

Studienzentrum Birkach

Behnisch & Partner, Stuttgart

Das Studienzentrum der Evangelischen Landeskirche in Stuttgart-Birkach zeigt Behnisch in einer ruhigeren, durchdachteren Phase vor dem Hysolar-Experiment. Das Gebäude ordnet sich in die Hanglandschaft ein, nutzt Terrassen und Offenheit, vermeidet Monumentalität. Es dokumentiert Behnischs Übergang vom systemischen Schulbau der 1960er zum freieren Formenspiel der 1980er und zeigt, wie groß die Bandbreite dieses Büros war.

BildungsbauBehnischBirkach
1996 · S21-Planungsbeginn

Stuttgart 21 – Tiefbahnhof (Planung)

Ingenhoven Architects, Düsseldorf

Die Planungsgeschichte von Stuttgart 21 beginnt Mitte der 1990er Jahre. Christoph Ingenhoven gewinnt den Wettbewerb für den unterirdischen Durchgangsbahnhof mit einem Entwurf, der durch filigrane Kelchstützen als Lichtöffnungen besticht – international ausgezeichnet, lokal bekämpft. Das Projekt löst ab 2010 die größte Stadtdebatte Deutschlands seit Jahrzehnten aus und führt zum Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus. Der Bau ist noch im Gange.

InfrastrukturIngenhovenKontrovers
2004 · Europaviertel

LBBW-Zentrale / City-Tower

Wöhr Mieslinger Architekten, Stuttgart

Der City-Tower der Landesbank Baden-Württemberg am Pariser Platz ist mit rund 79 Metern das aktuell höchste Hochhaus Stuttgarts. 2001–2004 erbaut, markiert es den Auftakt des Europaviertels – dem größten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekt Stuttgarts auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Rund 1.500 Mitarbeiter arbeiten in den LBBW-Gebäuden. Die Doppelfassade aus Glas setzte bei Bau neue Standards für Energieeffizienz in Hochhäusern.

Hochhaus 79 mEuropaviertelLBBW
1991 · Möhringen

SI-Centrum / Dormero Hotel

Verschiedene Architekten

Das SI-Centrum in Stuttgart-Möhringen ist der größte private Entertainment- und Hotelkomplex der Stadt. Das Dormero-Hochhaus aus 1991 – mit 71 Metern das zweithöchste Hochhaus Stuttgarts – prägt die Skyline des Stuttgarter Südens. Zwei Musical-Theater, Medical-Spa, Restaurants und Hotel: ein in sich abgeschlossenes Freizeitquartier, das zeigt, wie sich privates Großbauen in den 1990er Jahren als Event-Architektur versteht.

HotelHochhaus 71 mMöhringen
1999 · Stadtmitte

Württembergische Landesbibliothek (Altbau)

Horst Linde, Stuttgart

Der Altbau der Württembergischen Landesbibliothek aus den 1960er Jahren an der Konrad-Adenauer-Straße steht für die nüchterne Sachlichkeit der Stuttgarter Bibliotheksarchitektur der Nachkriegszeit. 2020 erhielt er einen Erweiterungsbau durch LRO (Lederer Ragnarsdóttir Oei), der ihn sowohl räumlich als auch funktionell erweitert und die Stuttgarter Kulturmeile komplettiert. Die Kontinuität im Sichtbeton verbindet Alt- und Neubau zu einem kohärenten Ensemble.

BibliothekKulturmeileErweiterung 2020
2009 · Stadtmitte

Z-UP

Prof. Wolfgang Kergaßner, Stuttgart

Das Büro- und Wohngebäude verdankt seinen Namen seinem Z-förmigen Grundriss, der auf die Stuttgarter Straßenführung reagiert. Die runden Ecken der breiten, weißen Fensterrahmen kontrastieren mit dem schwarzen Hintergrund – eine unverwechselbare Fassadenkomposition. Das UP symbolisiert die exponierte Hanglage mit Blick auf die Stadt. Ein kleines, eigenwilliges Gebäude, das zeigt, wie auch im weniger prominenten Maßstab architektonische Haltung möglich ist.

Büro & WohnenKergaßnerZ-Grundriss
2008 · Killesberg

QUANT

Wilford Schupp Architekten, Stuttgart

Ein steriles Laborgebäude aus den 1950er Jahren wird zum strahlend weißen Wohnhaus mit 28 hochpreisigen Eigentumswohnungen. Wilford Schupp transformierten die Fassade vollständig, öffneten die Grundrisse und ließen sich bei der Innengestaltung von den Stuttgarter Künstlern Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Adolf Hölzel inspirieren. Der Name erinnert an Max Planck – Quantenphysik statt Labor. QUANT steht für die kreative Konversionsstrategie, die Stuttgart in den 2000er Jahren prägt.

KonversionWohnenWilford Schupp

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