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1956 · Degerloch
Stuttgarter Fernsehturm
Fritz Leonhardt, Erwin Heinle und Rolf Gutbrod
Der erste Fernsehturm der Welt aus Stahlbeton. Ingenieur Fritz Leonhardt schlug spontan vor, aus dem geplanten Stahlgittermast einen eleganten Betonturm mit Aussichtscafé zu machen – und überzeugte. 217 Meter, 20 Monate Bauzeit, Weltpremiere. Leonhardts Wunsch: „einen so großen Turm so schön zu gestalten, dass man ihn nicht als nüchternes Übel, sondern als Gewinn für das Stadtbild betrachtet." Mehr als 200 Fernsehtürme weltweit folgten dem Stuttgarter Vorbild. Im Dezember 2023 für die UNESCO-Welterbeliste nominiert.
FernsehturmWeltpremiereLeonhardt
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1954–1956 · Stadtmitte
Liederhalle
Rolf Gutbrod und Adolf Abel, Stuttgart
Einer der wichtigsten Kulturbauten Deutschlands der Nachkriegszeit. Asymmetrische Säle, verschieden große verwobene Körper, fünfeckige Räume – Gutbrod und Abel konzipierten die Liederhalle als architektonisches Bekenntnis gegen die Schwere der NS-Zeit. Der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger beschrieb die Gebäude als Bekenntnis „gegen die bleiernde Schwere der totalitären Zeit". Der Mozart-Saal gilt bis heute als einer der akustisch besten Konzerträume der Welt – ein Verdienst des Akustikers Lothar Cremer.
KonzerthalleGutbrodOrganisch
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1956 · Marktplatz
Stuttgarter Rathaus
Hans Paul Schmohl und Paul Stohrer, Stuttgart
1956 war ein außergewöhnliches Baujahr: Fernsehturm, Liederhalle und Rathaus wurden im selben Jahr fertiggestellt. Das Rathaus am Marktplatz steht für eine zurückhaltende, zeitlose Sachlichkeit: strukturierte Fensterfront, klare Kubatur, kein Ornament. Es ist das Gegenteil von Repräsentationsarchitektur – ein demokratischer Verwaltungsbau, der sich seinem Umfeld einordnet, ohne aufzufallen. Genau darin liegt seine Qualität.
RathausNachkriegsmoderne1956
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1954–1959 · Zuffenhausen
Hochhäuser Romeo und Julia
Hans Scharoun, Berlin
Hans Scharoun – Mitarchitekt der Weissenhofsiedlung – kehrt mit zwei Wohnhochhäusern nach Stuttgart zurück. Sein organischer Ansatz: keine Schematik, sondern Grundrisse, die sich nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohner richten – Besonnung, Aussicht, Zonierung. „Romeo", das schlanke Hochhaus, und „Julia", die breitere Scheibe, stehen leicht versetzt nebeneinander. Sie gelten als Schlüsselwerke des sozialen Wohnungsbaus als architektonischem Statement.
WohnhochhausScharounOrganisch
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1964 · Campus Vaihingen
Pavillon Institut für Leichte Flächentragwerke (IL)
Frei Otto, Stuttgart
Frei Otto gründete 1964 das Institut für leichte Flächentragwerke (IL) an der Universität Stuttgart – und baute neben dem Institutsgebäude einen maßstabsgetreuen Prototyp: ein Zeltdachpavillon aus Seilnetz und Verglasung, der den deutschen Pavillon der Weltausstellung Montreal 1967 vorwegnahm und das Prinzip entwickelte, das 1972 das Münchner Olympiastadion möglich machte. Frei Otto erhielt 2015 wenige Tage vor seinem Tod den Pritzker-Preis.
LeichtbauFrei OttoPritzker 2015
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1960er · Vaihingen und Stadtgebiet
Schulbauten Behnisch & Partner
Günter Behnisch, Stuttgart
Günter Behnisch etablierte sich in den 1960er Jahren mit einer Reihe von Schulgebäuden in Stuttgart und Umgebung als einer der wichtigsten Architekten der bundesrepublikanischen Demokratiearchitektur. Seine Schulen setzen der Rasterarchitektur ihrer Zeit eine organische, nutzerfreundliche Alternative entgegen: Transparenz, Offenheit, Flexibilität. Spätere Fachleute beschrieben sie als „Vollmontage-Schulen im Dienste der offenen Gesellschaft". Mehrere stehen heute unter Denkmalschutz.
SchulbauBehnischDemokratiearchitektur
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1970er · Möhringen
Wohnanlage Asemwald
Hansjörg Göritz, Stuttgart
Die Wohnanlage Asemwald in Stuttgart-Möhringen ist eine der außergewöhnlichsten Wohnanlagen Deutschlands: Drei Scheibenhochhäuser von je 27 Geschossen, verbunden durch Brücken, mit gemeinschaftlicher Infrastruktur – Kindergarten, Arztpraxen, Gastronomie, eigenem Busanschluss. Eine selbstversorgende Stadt in der Stadt mit rund 1.500 Bewohnern. Das Experiment des kollektiven Lebens im Hochhaus, das in den 1960er und 70er Jahren international diskutiert wurde, ist hier in Stuttgart auf engstem Raum umgesetzt.
WohnhochhausWohnanlageMöhringen
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1970er · Innenstadt
Züblin-Parkhaus
Ed. Züblin AG, Stuttgart
Das Züblin-Parkhaus in der Wolframstraße ist eine skulpturale Geste im Stuttgarter Stadtbild: Eine frei überhängende Wendelkonstruktion ohne sichtbare Stützen – realisiert von Deutschlands führendem Betonspezialisten. Architekten und Ingenieure feiern es als Meisterwerk des Ingenieurbaus. Viele Stuttgarter sehen es als Schandfleck. Die Debatte über Erhalt oder Abriss ist bis heute unentschieden. Das Züblin-Parkhaus steht für die Stuttgarter Unfähigkeit, Ingenieurbaukunst jenseits von Brücken und Türmen als Kulturgut anzuerkennen.
IngenieurbauParkhausKontrovers
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1960 · Egon Eiermann
Kaufhaus Horten (Eiermann-Fassade)
Egon Eiermann, Karlsruhe
Als Nachfolgebau des 1960 abgerissenen Kaufhauses Schocken errichtete Egon Eiermann – einer der prägenden deutschen Architekten der Nachkriegszeit – das Horten-Kaufhaus mit seiner charakteristischen gerasterten Klinkerfassade. Die „Eiermannfassade" ist ein eigenständiges gestalterisches Statement: nüchtern, konstruktiv ehrlich, ohne Nostalgie. Das Gebäude steht heute leer und wird kontrovers diskutiert – als Eiermann-Zeugnis und als städtebauliches Problem zugleich.
KaufhausEiermannLeerstand
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1977/78 · Innenstadt
Calwer Passage (Ursprungsbau)
Kammerer + Belz und Partner, Stuttgart
Die Calwer Passage von 1978 – inspiriert von der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele – ist eine glasüberdachte Einkaufspassage im Herzen der Stuttgarter Innenstadt. Denkmalgeschützt und bis heute belebt. 2022 wurde das umgebende Gebäude durch den Ingenhoven-Neubau mit seiner spektakulären Grünfassade ersetzt – die historische Passage blieb dabei erhalten und integriert. Der Ursprungsbau steht für eine Qualität der Nachkriegszeit, die heute als schützenswert gilt.
PassageDenkmalInnenstadt
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1961 · Campus Stadtmitte
Universitätsbibliothek Stuttgart
Hans Volkart, Stuttgart
Die Universitätsbibliothek Stuttgart von Hans Volkart dokumentiert den Übergang der zweiten Stuttgarter Schule von regionaler Tradition zu amerikanisch geprägtem Modernismus: Offene Regale, Galeriegeschosse, freies Stützenraster – Einflüsse aus Washington und Philadelphia, die Volkart auf einer Forschungsreise studiert hatte. Das Gebäude ist ein typisches Beispiel dafür, wie die bundesrepublikanische Architektur der 1960er Jahre internationale Vorbilder aufnahm und produktiv verarbeitete.
BibliothekHans VolkartUniversität
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1962 · Oberer Schlossgarten
Schauspielhaus am Eckensee
Hans Volkart, Stuttgart
Mit dem Schauspielhaus am Eckensee gelang Volkart 1962 eine freie Formfindung mit wabenförmiger Grundfigur für das zweigeschossige Foyer mit Galerie. Das Gebäude ist Teil des Staatstheater-Ensembles am Oberen Schlossgarten und steht für eine Phase, in der Stuttgarter Architekten lernten, aus der Enge der Nachkriegskonventionen auszubrechen. Heute ist es Teil eines der meistdiskutierten Kulturbau-Ensembles Baden-Württembergs, dessen Sanierung und Erweiterung seit Jahrzehnten politisch umkämpft ist.
TheaterVolkartSchlossgarten
Stuttgart und die Ingenieurkunst
Was Stuttgart von anderen deutschen Städten unterscheidet, ist die Dichte an Ingenieuren, die wie Architekten denken. Fritz Leonhardt, Frei Otto, Jörg Schlaich – drei Namen, die weltweit für Konstruktionspionierleistungen stehen und alle an der Universität Stuttgart gelehrt oder geforscht haben. Der Fernsehturm, das Olympiastadion, die Stuttgarter Glasdächer: Sie alle sind Zeugnisse einer Kultur, in der Statik und Gestaltung nicht als Gegensätze, sondern als Einheit gedacht werden. Das ist der vielleicht wichtigste Beitrag Stuttgarts zur internationalen Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts.