Epoche IV · 2000–heute

Gegenwarts-
architektur.

Zwei internationale Automobilmuseen, ein leuchtend blauer Bibliothekswürfel, eine grüne Passage und der teuerste Bahnhof Deutschlands: Stuttgart baut nach 2000 auf internationalem Niveau – und debattiert dabei so leidenschaftlich wie eh und je.

Internationales Schaufenster

Zwei Museen,
die Stuttgart global machen.

2006 · Untertürkheim

Mercedes-Benz Museum

UNStudio / Ben van Berkel, Amsterdam

In seiner Grundstruktur einem dreiblättrigen Kleeblatt ähnelnd, entstand in der Mitte der gewölbten Form ein dreieckiges Atrium, um das die Ausstellungsräume spiralförmig angeordnet sind. Ben van Berkel plante vollständig digital – die Geometrie war ohne Computer nicht denkbar. Die Ausstellung folgt einer geschraubten Helix über alle Stockwerke: Man betritt das Museum oben und steigt durch 130 Jahre Automobilgeschichte hinab. Eines der wenigen Gebäude, in denen Architektur und Ausstellungskonzept von Anfang an gemeinsam entwickelt wurden.

MuseumUNStudioParametrisch
2009 · Zuffenhausen

Porsche Museum

Delugan Meissl Associated Architects, Wien

Von vielen Experten für unbaubar gehalten. Die einzige Verbindung des 5.600 m² großen Ausstellungskörpers zum Boden bilden drei V-förmige Betonkerne – 6.000 Tonnen Stahl, realisiert mit Methoden aus dem Brückenbau. Was von außen wie ein schwebender weißer Monolith wirkt, ist innen eine präzise Inszenierung von Fahrzeug und Raum. 2005 Wettbewerbsgewinn, 2009 Eröffnung. Eines der kühnsten Unternehmensgebäude Deutschlands und eine der spektakulärsten Konstruktionsleistungen der Stuttgarter Architekturgeschichte.

MuseumDelugan MeisslBrückenbau

13 weitere Schlüsselbauten

Gegenwart Stuttgart –
2000 bis heute.

2005 · Kleiner Schlossplatz

Kunstmuseum Stuttgart

Hascher Jehle Architektur, Berlin

Ein 26 Meter hoher gläserner Kubus auf einer städtebaulichen Narbe der 1960er Jahre – einem ehemaligen Verkehrsknotenpunkt. Hascher Jehle nutzten die Tunnel darunter als größte Ausstellungsräume, der Glasturm enthält weitere Ebenen. Bei Nacht leuchtet der Kubus von innen – ein Stadtmöbel am Schlossplatz. Die gebürtigen Stuttgarter wollten „einen ruhigen, eleganten Baukörper schaffen, der eindeutig in unserer Zeit verankert ist." Das Kunstmuseum ist heute eines der beliebtesten Stuttgarter Kulturgebäude.

MuseumGlasHascher Jehle
2011 · Europaviertel

Stadtbibliothek am Mailänder Platz

Eun Young Yi, Seoul / Stuttgart

40 Meter ragt der mit Glasbausteinen verkleidete weiße Würfel in die Höhe – tagsüber stumm und grau, nachts leuchtend blau. Im Inneren: ein 14 Meter hoher weißer Raum ohne Möbel, nur durch ein Oberlicht erhellt – das von Yi das „Herz" genannte Zentrum. Das Wort „Bibliothek" ist auf den vier Fassadenseiten in Englisch, Deutsch, Koreanisch und Arabisch eingraviert. Debattiert als zu steril von den einen, gefeiert als konsequentes Statement von den anderen: die Stadtbibliothek ist heute Stuttgarts bekanntester Neubau.

BibliothekEun Young YiEuropaviertel
2013 · Stadtmitte

Hospitalhof Stuttgart

LRO – Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart

Das evangelische Bildungs- und Tagungszentrum gilt als einer der besten Stuttgarter Bauten der letzten Jahrzehnte. LRO errichteten ein spirituelles Zentrum mit neuem öffentlichem Platz, Unterfahrt und einer Kirchenarchitektur, die Offenheit und Würde vereint. Der Bau schafft ein neues Stadtgefüge in einem vernachlässigten Innenstadtquartier. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Architekturpreis – der wichtigsten nationalen Auszeichnung für Architektur.

KirchenbauLRODeutscher Architekturpreis
2017 · Stadtmitte

Dorotheen Quartier

Behnisch Architekten, Stuttgart

Für Breuninger schufen Behnisch Architekten ein gemischt genutztes Stadtquartier mit der Dachlandschaft als expliziter „fünfter Fassade" – begründet durch die Kessellage, von der man die Dächer von den Hängen herab wahrnimmt. Büros, Gastronomie, Läden, Wohnungen unter einer gläsernen Dachlandschaft. Die Kalksteinfassade mit blausilbern bedruckten Glasdachgeschossen schimmert je nach Licht unterschiedlich. Ein Stadtquartier, das privaten Luxus mit öffentlicher Qualität verbindet.

QuartierBehnischGlasdach
2020 · Kulturmeile

Erweiterungsbau Württembergische Landesbibliothek

LRO – Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart

Im Oktober 2020 nimmt die Württembergische Landesbibliothek ihren Erweiterungsbau in Betrieb. LRO setzen die Sichtbetonsprache des Altbaus aus den 1960er Jahren fort – Kontinuität statt Kontrast. Das Gebäude erweitert die Bibliothek räumlich und funktionell und ergänzt zugleich die Stuttgarter Kulturmeile um einen weiteren Baustein. Es ist ein leises Gebäude – und gerade darin liegt seine Qualität: Es lässt dem Altbau seinen Respekt.

BibliothekLROKulturmeile
2020 · Urbansplatz

John Cranko Schule

Burger Rudacs Architekten, München

Der erste Neubau einer Ballettschule in Deutschland: Stefan Burger und Birgit Rudacs errangen 2011 den internationalen Wettbewerb und realisierten ein Gebäude aus Beton und Glas, das treppenartig das steile Hanggrundstück zwischen Urbansplatz und Werastraße erklimmt. 90 mal 36 Meter, zehn Geschosse, 6.100 m² Nutzfläche für die weltberühmte Stuttgarter Ballettschule. Porsche AG beteiligte sich mit 10 Millionen Euro an der Finanzierung. Fertiggestellt 2020.

SchuleBurger RudacsBallett
2022 · Innenstadt

Calwer Passage

ingenhoven associates, Düsseldorf · Werner Sobek (Engineering)

Das bemerkenswerteste Stuttgarter Stadtgebäude der letzten Jahre. Die denkmalgeschützte Calwer Passage von 1978 wurde von einem siebenstöckigen Neubau mit einer 133 Meter langen Grünfassade ummantelt: 11.000 Setzlinge in 2.000 Pflanzgefäßen, ein Dachwald mit Bäumen bis 12 Meter. Ingenhoven nennt das Konzept supergreen. Auszeichnungen: DGNB Gold und Diamond Award 2023, Advanced Climate Adaptation Award 2024, Dezeen Award 2024. Das Gebäude setzt europäische Maßstäbe für urban-grüne Architektur.

Büro & HandelGrünfassadeIngenhovenDezeen Award 2024
2019 · Ditzingen

TRUMPF Campus Ditzingen

Barkow Leibinger Architekten, Berlin

Auf dem Betriebsgelände des Maschinenbauunternehmens TRUMPF in Ditzingen realisierte Barkow Leibinger mehrere international beachtete Bauten. Holz, Stahl und Glas zu einem Ensemble, das Industriearchitektur und Arbeitsqualität verbindet. Das Projekt zeigt, wie Unternehmensarchitektur in der Region Stuttgart selbst für mittelständische Firmen zur internationalen Referenz werden kann – wenn Bauherren bereit sind zu investieren und Architekten bereit sind zu riskieren.

FirmencampusBarkow LeibingerDitzingen
2021 · Vaihingen

OWP12 – Drees & Sommer Zentrale

Blocher Partners, Stuttgart

Die neue Firmenzentrale von Drees & Sommer ist ein konsequentes Plusenergiegebäude: Erdwärme und Photovoltaik machen das Haus zum Energieerzeuger. Cradle-to-Cradle-Konzeption, Grünfassade, integriertes Mobilitätskonzept. Das Besondere: Drees & Sommer als Bauberater baute das eigene Haus als Experimentierfeld für Kundenprojekte. Die OWP12 steht für einen Wandel in der Stuttgarter Unternehmensarchitektur: Nachhaltigkeit nicht als Feigenblatt, sondern als Entwurfsprinzip.

FirmenzentralePlusenergieVaihingen
2014 · Europaviertel

Milaneo

RKW Rhode Kellermann Wawrowsky, Düsseldorf

Mit rund 200 Geschäften das größte Einkaufszentrum Stuttgarts auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Das Milaneo ist Teil des städtebaulichen Großprojekts Europaviertel und steht exemplarisch für die Transformation der Stuttgarter Bahnhofsumgebung im Zuge von Stuttgart 21. Die Frage, ob ein Einkaufszentrum dieser Größe eine sinnvolle Nutzung für diese Fläche ist, wird seit seiner Eröffnung diskutiert – ohne eindeutige Antwort.

HandelEuropaviertelStuttgart 21
2013 · Stadtmitte

K32 – Hotel und Büro

LRO – Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart

Das Büro- und Hotelgebäude in der Kriegsbergstraße 32 zeigt LRO in einer anderen Tonlage als beim Hospitalhof: Das K32 ist prägnant ohne Spektakel, schließt eine innerstädtische Lücke ohne sie zu übertrumpfen. Das Prinzip des Weiterbauens statt Abrisses ist hier genauso programmatisch wie beim Hospitalhof – nur im profanen, gewerblichen Maßstab. Ein Beweis, dass gute Architektur nicht immer kulturelle Großprojekte braucht.

Hotel & BüroLROInnenstadt
2017 · Europaviertel

Cloud No. 7 / Hotel Jaz

Behnisch Architekten, Stuttgart

Das Hochhaus „Wolke Sieben" in 18 Stockwerken mit Luxuswohnungen und Hotel Jaz entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadtbibliothek auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände. Behnisch Architekten setzen das Hochhaus in bewusstem Maßstabsdialog zur Stadtbibliothek Yis. Das Europaviertel mit Milaneo, Stadtbibliothek, Sparkassenakademie und Cloud No. 7 zeigt, wie ein vollständig neues Innenstadtquartier entsteht – mit seinen Qualitäten und seinen Defiziten.

HochhausHotelBehnisch
2027 geplant · Weissenhof

Besucher- und Informationszentrum Weissenhof (BIZ) – IBA'27

Wettbewerb im Rahmen der IBA'27

Zum 100. Jubiläum der Weissenhofsiedlung 2027 entsteht im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA'27 das Besucher- und Informationszentrum Weissenhof als neues Empfangsgebäude am UNESCO-Welterbe. Der Bau schließt den Kreis: 1927 war Stuttgart der Ort, an dem die Moderne manifest wurde. 2027 wird gefragt, was von diesem Erbe bleibt – und was Wohnen im 21. Jahrhundert bedeutet. Das Stuttgarter Jahrhundert der Architektur endet mit derselben Frage, mit der es begann.

IBA'27UNESCOGeplant

100 Jahre Stuttgarter Architektur – eine Bilanz

Von der Stuttgarter Schule zum Neuen Bauen, vom Wiederaufbau zur Postmoderne, vom Dekonstruktivismus zur grünen Fassade: Stuttgart hat in 100 Jahren jeden großen Architekturstreit Deutschlands mitgekämpft – und hat dabei Bauten hervorgebracht, die international als Referenzwerke gelten. Der Fernsehturm. Die Weissenhofsiedlung. Die Staatsgalerie. Das Porsche Museum. Die Calwer Passage. Fünf Gebäude, fünf Jahrzehnte, fünf völlig verschiedene Antworten auf die Frage, wie man baut.

Was Stuttgart von anderen Städten unterscheidet: Der Streit hört nie auf. Das ist kein Mangel. Das ist eine Qualität.

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