Epoche I · 1900–1945

Frühe Moderne
in Stuttgart.

Stuttgarter Schule gegen Neues Bauen: eine der schärfsten Architekturdiskussionen Deutschlands spielt sich in den 1920er Jahren in Stuttgart ab – und hinterlässt Bauten, die bis heute als Maßstab gelten.

Kontext 1900–1945

Zwei Schulen,
ein Kessel.

Stuttgart um 1910 ist eine aufstrebende Industriestadt ohne das historische Gewicht einer München oder Berlin. Genau das macht sie zum Experimentierfeld. An der Technischen Hochschule Stuttgart lehren Paul Bonatz und Paul Schmitthenner eine sachlich-konservative Architektur, die den Historismus überwindet ohne ihn aufzugeben – die „Stuttgarter Schule". Sie lehnt Ornament ab, bejaht aber Tradition, Materialehrlichkeit und regionalen Bezug.

Dagegen setzen die Vertreter des Neuen Bauens seit Mitte der 1920er Jahre ihre internationalen, funktionalistischen Positionen. 1927 treffen beide Welten in Stuttgart direkt aufeinander: Die Weissenhofsiedlung auf dem Killesberg ist das Manifest der Avantgarde. Sechs Jahre später antwortet Paul Schmitthenner mit der Kochenhofsiedlung – traditionell, hölzern, deutsch. Beide Siedlungen stehen heute noch nebeneinander auf dem Killesberg und erzählen den Grundkonflikt der deutschen Architektur des 20. Jahrhunderts.

Gleichzeitig entstehen mit dem Hauptbahnhof Bonatz' (1922), dem Tagblatt-Turm (1928) und dem Kaufhaus Schocken (1928) drei Bauten, die zwischen den Fronten stehen und bis heute als Meisterwerke gelten – jeder auf seine Art, jeder aus einem anderen Geist.

Zeitleiste 1900–1945

1911Markthalle Stuttgart – Elsaesser
1914Baubeginn Hauptbahnhof – Bonatz/Scholer
1922Fertigstellung Hauptbahnhof
1927Weissenhofsiedlung – Mies/Le Corbusier u. a.
1928Tagblatt-Turm – Oßwald
1928Kaufhaus Schocken – Mendelsohn
1931Hotel Graf Zeppelin – Bonatz
1933Kochenhofsiedlung – Schmitthenner
1943Bonatz emigriert in die Türkei
1944Stuttgarter Innenstadt zu 45% zerstört

10 Schlüsselbauten

Frühe Moderne Stuttgart –
von 1911 bis 1933.

1911–1914 · Innenstadt

Stuttgarter Markthalle

Martin Elsaesser, Stuttgart

Die Stuttgarter Markthalle zählt zu den schönsten Jugendstil-Markthallen Deutschlands. Martin Elsaesser, damals Assistent Paul Bonatz' an der TH Stuttgart, entwarf eine lichtdurchflutete Eisenkonstruktion mit ornamentalen Glasfenstern, die Funktionalität und Schönheit verbindet. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird bis heute als täglicher Markt genutzt – eine Kontinuität von über 110 Jahren, die in deutschen Innenstädten ihresgleichen sucht.

JugendstilMarkthalleDenkmal
1914–1922 · Hauptbahnhof

Stuttgarter Hauptbahnhof

Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, Stuttgart

Paul Bonatz nannte seinen Hauptbahnhof „Umbilicus sueviae" – den Nabel Schwabens. Ineinander verschachtelte Stahlbetonkuben mit grober Muschelkalkfassade, ein asymmetrisch positionierter Turm als Stadtlandmarke: der Bau überbrückt Historismus und Moderne ohne in eine der beiden Fallen zu tappen. Der Kunstkritiker Gottfried Knapp bezeichnete ihn als den wichtigsten Bahnhofsbau zwischen Historismus und Moderne. 1987 erhielt er Denkmalschutz der höchsten Kategorie. Im Zuge von Stuttgart 21 wurden seine Seitenflügel 2010 und 2012 abgerissen.

BahnhofBonatzKulturdenkmal
1927–1928 · Innenstadt

Tagblatt-Turm

Ernst Otto Oßwald, Stuttgart

Das erste Stahlbetonhochhaus Deutschlands und weltweit das erste Hochhaus in Sichtbeton entstand als Verlagsgebäude der „Stuttgarter Tageszeitung" gegenüber dem später abgerissenen Kaufhaus Schocken. Der 18-stöckige Turm ist eines der wichtigsten Zeugnisse des Neuen Bauens in Stuttgart. Im Stuttgarter Stadtbild ist der Tagblatt-Turm mit seiner markanten Leuchtschrift und kubischen Strenge bis heute ein prägendes Zeichen. Unter Denkmalschutz, heute als Bürohaus genutzt.

HochhausNeues BauenSichtbeton
1927 · Killesberg

Weissenhofsiedlung

Ludwig Mies van der Rohe (Ltg.) · Le Corbusier, Walter Gropius, Hans Scharoun, J.J.P. Oud u. a.

Das wichtigste Ensemble der Architekturmoderne auf deutschem Boden. Unter Leitung von Mies van der Rohe errichteten 17 europäische Architekten in vier Monaten 21 Häuser mit 60 Wohnungen. Flache Dächer, Fensterbänder, freie Grundrisse: das Manifest der neuen Sachlichkeit. Sofort als „Arabersiedlung" verspottet und von Konservativen als Kulturbolschewismus bekämpft. Le Corbusiers zwei Häuser sind seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe. Die Siedlung ist bis heute bewohnt und öffentlich zugänglich.

UNESCO-WelterbeMies van der RoheLe Corbusier
1926–1928 · Innenstadt

Kaufhaus Schocken

Erich Mendelsohn, Berlin (abgerissen 1960)

Das schönste Kaufhaus Deutschlands, sagte die Presse bei der Eröffnung 1928 – und traf damit den Nerv. Ein halbrunder gläserner Treppenturm, dynamische Fensterbänder, ein Baukörper, der die expressionistische Energie Mendelsohns in ruhigere Sachlichkeit überführte. Das Gebäude wurde 1938 enteignet, 1944 ausgebombt, 1945 wieder eröffnet. 1960 trotz internationaler Proteste abgerissen – für einen Kaufhausneubau und eine „autogerechte" Straßenverbreiterung. Ein Verlust, der Stuttgart bis heute begleitet.

Abgerissen 1960MendelsohnNeues Bauen
1931 · Hauptbahnhof

Hotel Graf Zeppelin

Paul Bonatz, Stuttgart

Direkt gegenüber dem Hauptbahnhof zeigt Bonatz die reifere Phase seiner Handschrift: keine Ornamentik, klare Kubatur, Natursteinfassade von stiller Würde. Das Hotel Graf Zeppelin ist das eleganteste Gebäude, das Bonatz je entworfen hat – reduzierter als der Bahnhof, aber mit derselben tektonischen Konsequenz. Bis heute eines der renommiertesten Stuttgarter Stadthotels. Das Gebäude dokumentiert, wie die Stuttgarter Schule zu einer gemäßigten, zeitlosen Sachlichkeit findet, die weder historistisch noch avantgardistisch ist.

HotelBonatzStuttgarter Schule
1933 · Killesberg

Kochenhofsiedlung

Paul Schmitthenner und andere, Stuttgart

Sechs Jahre nach der Weissenhofsiedlung und 300 Meter Luftlinie entfernt: Paul Schmitthenner errichtet eine Siedlung als expliziten Gegenentwurf. Steildächer, Fachwerk, regionale Holzbauweise, erdige Farbtöne – unter dem Ausstellungstitel „Deutsches Holz für Hausbau und Wohnung". Der Architekt Stephan Trüby ordnete sie der NS-nahen „Blut-und-Boden-Architektur" zu. Schmitthenner war Gründungsmitglied des konservativen Architektenbundes „Der Block" und später NSDAP-Mitglied. Die Siedlung steht unter Denkmalschutz.

WohnsiedlungSchmitthennerNS-Kontext
1912 · Oberer Schlossgarten

Staatstheater Stuttgart

Max Littmann, München

Das Große Haus des Staatstheaters Stuttgart, 1909–1912 nach Plänen des Münchner Architekten Max Littmann errichtet, ist eines der bedeutendsten Theaterbauten seiner Zeit in Deutschland. Das neoklassizistische Gebäude mit seinen markanten Portiken und dem großzügigen Foyer hat die Stuttgarter Kulturmeile von Anfang an definiert. Seine seit Jahrzehnten diskutierte Sanierung und mögliche Erweiterung ist bis heute Gegenstand einer der aufwändigsten kulturpolitischen Debatten Baden-Württembergs.

TheaterNeoklassizismusKulturmeile
1927–1928 · Innenstadt

Schocken-Erbe: Eiermann-Haus (Horten)

Egon Eiermann, Karlsruhe (1960/61)

Egon Eiermann – eine der prägenden Figuren der deutschen Nachkriegsarchitektur – errichtete nach dem Abriss des Schocken-Baus den Horten-Kaufhausneubau an gleicher Stelle. Das Gebäude mit seiner „Eiermannfassade" aus gerasterten Klinkerelementen steht heute selbst unter Diskussion. Es ist Nachfolgebau und Symbol zugleich: der Beweis, dass selbst ein herausragender Architekt nicht über das Unrecht des Vorgänger-Abrisses hinwegtrösten kann. Das Eiermann-Areal ist heute ohne Nutzungskonzept.

KaufhausEgon EiermannNachfolgebau Schocken
1911–1914 · Killesberg

Haus Le Corbusier (Weissenhof-Museum)

Le Corbusier, Paris

Zwei der 21 Weissenhof-Häuser entwarf Le Corbusier – Doppelhaus Nr. 14/16 – und setzte in ihnen sein berühmtes „Fünf-Punkte-Programm" der neuen Architektur um: Pilotis, Dachgarten, freier Grundriss, freie Fassade, Fensterbänder. Heute ist darin das Weissenhof-Museum untergebracht, das die Entstehungsgeschichte der Siedlung dokumentiert. Es ist das einzige in Stuttgart erhaltene Gebäude Le Corbusiers und – seit 2016 als Teil des transnationalen UNESCO-Welterbes – ein internationales Ziel.

UNESCO-WelterbeLe CorbusierMuseum

Die Stuttgarter Schule – Hintergrund

Als Stuttgarter Schule bezeichnet man die an der Technischen Hochschule Stuttgart vertretenen Architekturpositionen um Paul Bonatz und Paul Schmitthenner. Sie verwarf den Historismus des 19. Jahrhunderts, vertrat aber eine klassisch-konservative Bauweise mit Bezug zu regionaler Tradition und Materialehrlichkeit. Im Kern war sie eine Reaktion auf die Architekturavantgarde der Weimarer Republik – sachlich, aber nicht funktionalistisch; modern, aber nicht radikal. Prominente Vertreter waren Bonatz (Hauptbahnhof, Hotel Graf Zeppelin), Schmitthenner (Kochenhofsiedlung) und Martin Elsaesser (Markthalle). Mit dem Hysolar-Gebäude Behnischs und der Weissenhofsiedlung hat Stuttgart beide Pole des deutschen Architekturdiskurses des 20. Jahrhunderts in sich vereint.

Weiter in der Geschichte

Nachkriegsmoderne
1945–1975.

Fernsehturm, Liederhalle, Frei Otto, Scharoun: der Wiederaufbau als Laboratorium.

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